Der Weg zum Frieden

Die Überzeugung, dass wir allein die Wahrheit gepachtet haben, führt zu Streit. Nicht alles, was wir bevorzugen, ist passend für unser Gegenüber.

7 lesezeit

Rabbiner Shalom Arush

gepostet auf 19.09.2019

Unsere Selbstverliebtheit und die Überzeugung, dass wir allein die Wahrheit gepachtet haben, führen zu Streit. Nicht alles, was wir gerne machen, hören, essen oder anziehen, ist passend für unser Gegenüber. Ich bin nicht du und du bist nicht ich. Wir sind zwei verschiedene Menschen. Aber diese Verschiedenheit muss nicht zu Streit und Hass führen, G-tt behüte! Wir müssen uns sehr anstrengen, den Anderen zu verstehen, anzunehmen und zu lieben.

 

Der Weg vom Streit zum Frieden ist lang und voller Schwierigkeiten. Es ist einfach Realität, dass in den meisten Fällen unsere Meinungen verschieden sind. Darum müssen wir diesen Fakt zunächst einmal anerkennen. Die Meinungen von Menschen sind verschieden. Genauso sind auch Charakterzüge und Sensibilät unterschiedlich.

 

Es liegt in der Natur der Welt, dass auch einer Meinungsverschiedenheit die nächste hervor geht. Der Mensch glaubt, dass seine Taten, Ansichten und Gedanken die Warheit sind, "Alle Wege eines Menschen sind rein in seinen Augen". Und das ist auch ganz natürlich, denn der Mensch kennt sich selbst am besten. So denkt er in jedem Gespräch, dass er Recht hat und der andere Unrecht und hält den Streit aufrecht. Aber wir müssen verstehen, dass der Streit meist den Schaden nicht wert ist, und es beser ist, nachzugeben. Denn Frieden zu haben ist der echte Erfolg, der echte Sieg. Wer Frieden hat, der hat ein Gefäß, um Segen aufzufangen, wie geschrieben steht: "der Heilige, gepriesen sei er, fand kein anderes Gefäß für den Segen für Israel außer den Frieden".

 

 

Der Grund für die Zerstörung

 

Ein Blick in die Geschichte von Am Israel zeigt uns eine unschöne Realität: in jeder Generation leidet Am Israel, und unzählige Juden sterben in Kriegen und Progromen. Selbst heute sind wir umzingelt von Völkern, die uns hassen. Diese schrecklichen Ereignisse werden unerträglich. Warum ist das so? Warum müssen wir als Volk so leiden? Die typische Antwort ist, dass wir vor unserem Vater im Himmel gesündigt haben. Aber gerade Generationen, die weniger gesündigt haben, haben mehr gelitten. Es kann also nicht (nur) auf das Versündigen ankommen. Welche anderen Gründe gibt es?

 

Unsere Weisen haben uns den Schlüssel zu der Antwort auf diese Frage gegeben: grundloser Hass, Streit, Tratsch, Gerede und Intrigen – das sind die Gründe für das Leid. Alle diese Dinge führen nur dazu, jedes kleine bisschen, das gut ist, zu zerstören, nicht weniger, als Sünde zerstört. Wenn Am Israel vereint ist, als eine Familie in Frieden und Liebe zusammen lebt, dann werden sie vor Katastrophen und Nöten bewahrt, selbst wenn ihnen für andere Sünden eigenlich eine Strafe verdienen, G-tt behüte! Aber wenn es im Volk Streit gibt und Hass, und böses Gerede, dann kann nichts das Verhängnis aufhalten, und alle Strafen treffen uns mit ungemildeter Strenge.

 

Der Streit, der zu grundlosem Hass führt, "ist die schlechteste Eigenschaft von allen schlechten Eigenschaften in der Welt", sagt Rabbi Nathan. Denn andere schlechte Eigenschaften oder Gelüste, haben ihren Ursprung in natürlichen Bedürfnissen, die man eben nur auf andere Weise, der Torah entsprechend befriedigen muss. Aber Streit ist unnötig, und er wirft den Menschen aus dieser und aus der kommenden Welt.

 

 

Schutzmauer

 

Sich von Tratsch, Streit, Gerede und Intrigen, den Hauptgründen für grundlosen Hass, fern zu halten – das ist eine Schutzmauer für Am Israel vor Unglücken und Katastrophen, G-tt behüte. Deswegen müssen wir, wie unsere Weisen es uns gelehrt haben, Liebe und Einheit zu einem wesentlichen Bestandteil unseres Lebens machen.

 

Unsere Weisen sahen Tratsch (Lashon HaRa – die böse Zunge) als eine sehr schwere Sünde, auf die harte Strafen stehen. Dabei wird Lashon HaRa, selbst wenn sie zu grundlosem Hass führt, in den 613 Mitzvot der Torah als weniger schlimm angesehen als Götzendienst oder Tötung. Unsere Weisen komemn zu ihrer Einschätzung nach einer langen und intensiven Untersuchung, warum der zweite Tempel zerstört wurde. Ihre Antwort: Grundloser Hass (Sin'at Chinam). Der "Chafez Chaim" schreibt dazu: "Der Hass, den einer gegen den anderen im Herzen trug, war ein wesentlicher Grund für dei Zerstörung. Aber er war nicht der direkte Grund. Erst als der Hass Ausdruck durch den Mund fand in Tratsch und Streit, erst dann wurde das Urteil gefällt, den Tempel zu zerstören."

 

Also warnen uns unsere Weisen immer wieder und lehren uns, wie viel Macht in bösem Gerede und im Streit steckt. Sie führen am Ende zu Hass und zu fehlender Wertschätzung und Respekt, dem Anderen gegenüber. Auch im Buch Zohar steht: "Nur wegen Lashon HaRa wurde gegenüber Am Israel mit Strenge gehandelt. Wenn unten Strenge und Gericht herrscht, dann wird auch oben Strenge und Gericht wach. Wegen diesem Erwachen kamen Schwert und Tod in die Welt." Wenn wir verstehen, wie machtvoll und gefährlich Tratsch und Gerede sind, dann werden wir es schaffen, dass uns gegenüber statt Strenge Milde und Erbarmen herrrschen werden.

 

 

Der Heilige, gepriesen sei er, hat Israel befohlen: übertretet meine Gebote nicht, sie zu halten ist die Bürgschaft für eure Zukunft. Und wenn ihr doch sündigt, dann bereut sofort und kehrt um! So könnt ihr die negativen geistlichen Folgen der Sünde löschen und eure Seele rein machen. Und wenn ihr es nicht schafft, auf ganzem Herzen zu bereuen und umzukehren, dann redet wenigstens nicht schlecht übereinander und streitet nicht! Dann werde ich euch mit Barmherzigkeit statt mit Strenge begegnen.

Im Talmud (Jerushalmi Peah 1, 1) wird erklärt: "In der Generation von David HaMelech, er ruhe in Frieden, waren alle Gerechte, aber weil sie unter sich Verbreiter von Lashon HaRa hatten, zogen sie in den Krieg und verloren. In der Generation von Achav waren alle Götzendiener, aber sie redeten keine Lashon HaRa, darum zogen sie in den Krieg und gewannen."

 

 

Frieden mit sich selbst

 

Wie erreicht man Einheit? Einheit und Frieden untereinander muss mit Frieden mit sich selbst anfangen. Rabi Nachman aus Breslev schreibt (Likutei Moharan Teil 1, 14): "Als erstes muss der Mensch sich darum kümmern, mit sich selbst Frieden zu haben. Um das zu erreichen, muss er von Herzen beten, mit dem Schöpfer reden und ihn anflehen, im Frieden zu geben. (…) und die Reder von Lashon HaRa, die Unfrieden zwichen Freunde bringen, und zwischen Mann und Frau werden verstummen, wenn Frieden zwischen Seele und Körper herrscht. Die Gnade des Heiligen, gepriesen sei er, erstreckt sich auf alle seine Geschöpfe. Er will, dass sie unteinander gnädig miteinander sind. Wer sich über die Geschöpfe erbarmt, erfährt Erbarmen vom Himmel."

 

 

Es gibt im Menschen einige Eigenschaften, die den Menschen daran hindern, Frieden mit sich und anderen zu haben:

 

Der Wille zum Sieg

 

Rabbi Nachman sagt: der Sieg kann die Wahrheit nicht leiden!" Der Mensch will immer gewinnen, es kann nicht sein, dass mein Gegenüber Recht hat. In der Makro-Perspektive, in der Geschichte der Welt, wollen Völker und Länder die anderen erobern und unterwerfen. Und auch in der Mikro-Perspektive wollen wir den Gesprächspartner besiegen und ihm unsere Meinung aufdrücken, auch wenn die Diskussion in Streit ausartet. Dabei ist das einzige, das wir besiegen müssen, unsere schlechten Charaktereigenschaften und unsere Begehrlichkeiten. Und der einzige wirkliche Sieg, ist inneren und äußeren Frieden zu haben.

 

 

Ehre

 

Der Mensch möchte Ehre erhalten. Aber Ehre, die auf Kosten des Gegenübers geht, muss zurück gewiesen werden. Unsere Weisen sagen, dass wer auf Kosten eines Anderen Anerkennung erhält, seinen Teil der kommenden Welt verliert. Das Begehren von Ehre ist mit dem Willen zum Sieg verbunden. Wir wollen gewinnen, um Ehre zu bekommen. Rabbi Nachman sagt, dass die Ehre HaShems vor allem im Menschen, in der Krone der Schöpfung zum Ausdruck kommt. Also müssen wir jeden Menschen ehren, weil er die Ehre HaShems repräsentiert. Und wie können wir auf uns selbst stolz sein? Wir sind doch nur Ausdruck der Ehre HaShems, und haben nichts von uns selbst aus.

 

 

Stolz

 

Wir alle machen Pläne, aber diese Pläne erfüllen sich selten so wie wir wollen. Können wir diese Planänderungen annehmen? Am Ende ist es der Heilige, gepriesen sei er, der alles entscheidet und lenkt. Und er kennt jedes Detail unseres Lebens und weiß, was am Besten für uns ist. Wer nicht akzeptieren kann, dass seine Pläne nicht in die Tat umgesetzt wurden, der glaubt, dass er alles beherrscht und lenkt. Er ist stolz. Und dann wird jedes Scheitern den Menschen bitter und wütend und traurig machen, G-tt behüte, und er verliert jede Kraft, etwas ins Positive zu verändern. Im Gegensatz zu einem Menschen, der HaShem vertraut und weiß, dass alles von IHM kommt und zum Besten ist, hat er keinen Seelenfrieden und verbreitet Streit und Wut um sich herum.

 

 

Neid und Geiz

 

Der Neid ist eine der schlimmsten Charaktereigenschaften, die viel Unheil anrichten. Wie kann ich ruhig bleiben, wenn der Nachbar sein Haus renoviert hat, und ich nicht?! Wie kann ich fröhlich in meine Blechkiste steigen, die sich kaum bewegt, während der Nachbar ein nagelneues Auto hat?! Warum hat er und ich nicht?

 

Neid führt auch zu Gerede, zu Lashon HaRa, denn ich "muss" natürlich sofort mit jemandem besprechen: Warum hat er ein neues Auto? Woher hat er das Geld? Seine Frau arbeitet nicht und er schafft es kaum zum Monatsende, also woher kommt das Auto? So ein Gespräch ist nur dazu da, meinen Neid auszudrücken, es ist seiner ganzen Identität nach nur Lashon HaRa. Wenn nun der bewusste Nachbar von diesem Gerede hört, dann kommt es zu Streit und Hass. Neid ist zerstörerisch, das sehen wir schon bei Kain und Hevel. Kain tötete Hevel, weil er neidisch war, dass Hevels Opfer angenommen wurde und seines nicht. Korach war ein wichtiger und weiser Mann, aber er war neidisch auf Moshe Rabeinu und Aharon, mögen sie in Frieden ruhen. Er schürte das ganze Volk gegen Moshe und Aharon auf, sät Streit und grundlosen Hass. Das Ergebnis ist schrecklich: vierzehntausend Menschen werden von der Erde verschluckt.

 

Der Neid wurzelt im bösen Blick, dass ich anderen nicht gönne, was sie haben. Es fällt uns schwer, dem anderen zu wünschen, dass er Erfolg haben wird, auch wenn ich keinen Erfolg habe. Dabei ist das genau, was das Judentum will. Wahre Ahavat Israel, jeden Menschen im Volk Israel zu lieben, heißt, jedem Erfolg zu wünschen und zu gönnen. Das ist bedingungslose Liebe.

 

 

Die Lösung

 

Wie können wir diese Charaktereigenschaften überwinden und inneren Frieden finden? Der Mensch muss beten und den Schöpfer der Welt bitten, dass er ihm Kraft gebe, seinen Charakter zu korrigieren. Nur dann kann er Seelenruhe und inneren Frieden finden, und dann auch Frieden mit seinen Mitmenschen halten. Wir müssen lernen, unserem Gegenüber zuzuhören, ihn zu respektieren, wertzuschätzen, und zu lieben. Diese Gefühle müssen uns über alle Maßen wertvoll sein. So können wir uns von Streit fern halten.

 

Rabbi Nachman sagt: "Das Herz zeichnet den Charakter". Deswegen müssen wir tief in unserem Herzen verankern, den Anderen wertzuschätzen und ihm zuzuhören. Und dann aus dem Herzen heraus schlechte Charaktereigenschaften und Gewohnheiten ablegen und gute wachsen lassen. Rabbi Nathan schreibt in Likutei Halachot: "Wenn ein Mensch in Nöten ist, mögen wir davon verschont bleiben! – dann muss er sich ganz besonders anstrengen, allen Hass, den er gegenüber einem Anderen hat, aus seinem Herzen zu verbannen, und allen Streit zu begraben, zu nur Liebe, Friede und Freundlichkeit zu suchen, und je mehr Am Israel nur in Liebe und Freundlichkeit verbunden ist, desto mehr Nöte werden aufgehoben werden."

 

Wenn wir es schaffen, zuerst unseren inneren Frieden zu bauen, voll Vertrauen auf HaShem anzunehmen, was wir haben oder nicht haben, und dem anderen voller Liebe zu gönnen, was er hat, dann wird es uns leichter fallen, eine gute Beziehung zu unseren Mitmenschen aufzubauen. Dann können wir akzeptieren, dass wir verschieden sind und verschiedene Meinungen haben und uns austauschen, ohne zu streiten. Und wenn wir Frieden mit uns selbst haben, und mit unseren Mitmenschen, dann können wir auch Frieden mit HaShem haben, der ja sogar genannt wird – Shalom, Frieden: "Du bist Frieden und dein Name ist Frieden."

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