Liebe und Furcht

Wie ist es möglich, dass ein Mensch jemanden fürchtet, und dabei gleichzeitig die Liebe wahrnimmt, die jener für ihn verspürt?!

3 Min.

Rabbiner Pinchas Winston

gepostet auf 06.09.09

Wie ist es möglich, dass ein Mensch jemanden fürchtet, und dabei gleichzeitig die Liebe wahrnimmt, die jener für ihn verspürt?!

Wir befinden uns gerade im jüdischen Kalendermonat Elul. Das hebräische Wort Elul ergibt den Initialsatz: „Ani Ledodi we Dodi Li.“ Die deutsche Übersetzung dieses von König Salomon ausgesprochenen Satzes lautet: „Ich bin meines Geliebten, und mein Geliebter ist mein! …“ (Das Hohelied, Kapitel 6, Satz 3)

In diesem Satz verbirgt sich eine sehr tiefgründige Weisheit, in dem König Salomon offenbarte, dass ausgerechnet die Tage des Monats Elul eine unbeschreibliche Bindung der Liebe zwischen Mensch und Gott ermöglichen. Denn alles was ich bin oder besitze, bekam ich von meinem Geliebten – also Gott – und dadurch gehöre ich Ihm! Doch durch diese Erkenntnis ist derjenige der mich liebt – also Gott – ebenso mein! Mit anderen Worten erlangt ein Mensch in den Tagen Eluls – wie bereits gesagt – eine unbeschreibliche Bindung, die auf der gegenseitigen Liebe basiert. Gott macht sich in diesen Tagen für jeden Menschen zugänglich. Das bedeutet allerdings nicht, dass Er das gesamte Jahr hindurch für einen Menschen nicht zugänglich sei. Im Gegenteil, Gott ist immer und für jeden zugänglich! Und Er hat zu jeder Zeit – und für ausnahmslos jeden Menschen – von Ohr zu Herz eine offene Tür. Doch in diesem Monat ist Gott noch stärker zugänglich als in der übrigen Zeit!!

Der Grund dafür ist, dass der Monat Elul sozusagen der Weg der reuigen Umkehr eines Menschen von dessen schlechten Taten bis zum bevorstehenden Neujahrsfest (Rosch Haschana) ermöglicht. Ein Mensch versucht sich also den gesamten Monat hindurch charakterlich und allgemein zu verbessern, umso den Willen Gottes zu erfüllen. Gott lässt unsere Mühen daher und selbstverständlich nicht unbelohnt! Er steigt also – im übertragen Sinne – von Seinem hohen Thron bis zu uns – und somit in die unteren Gefilde – herab. All das macht Er nur aufgrund Seiner unendlichen sowie unbeschreiblichen Liebe zu uns.

Heutzutage ist es bei ziemlich allen jüdischen Richtungen Brauch, dass man täglich das Widderhorn (die Schofar) bläst (mit Ausnahme des Schabbats und dem Tag vor Rosch Haschana). Laut der Überlieferung von Rabbi Moses Maimonides (Rambam) tun wir dies, um uns für das Rosch Haschana vorzubereiten! Der Klang den das Widderhorn, also die Schofar, von sich gibt, soll uns aus unserem spirituellen Schlaf reißen und uns zu Gott und somit auf den richtigen Pfad des Lebens führen.

Nach dieser Einleitung ist nun klar, dass wir im Monat Elul zwei völlig unterschiedliche Gefühlsarten verspüren. Zum einen spüren wir eine faszinierende Nähe zu Gott und somit also auch zu Seiner Liebe und Barmherzigkeit. Doch im Gegensatz dazu verspüren wir ebenso Furcht, da wir uns ja dem Neujahrsfest Rosch Haschana nähern, in dem Gott für jeden Menschen bestimmt, wie das darauf folgende Jahr verlaufen wird.

Für den einen oder anderen mag dies vielleicht etwas komisch oder verwirrend klingen, da es ja eine interessante Frage aufwirft: „Wie ist es möglich, dass ein Mensch sich vor Jemandem fürchtet (in diesem Fall also vor Gott), und dabei gleichzeitig Seine Liebe und Treue ihm gegenüber wahrnimmt!?“ Wenn man diese Frage nun ohne die Klammern liest: „Wie ist es möglich, dass sich ein Mensch vor Jemandem fürchtet, und dabei gleichzeitig seine Liebe und Treue ihm gegenüber wahrnimmt!?“, stellt man fest, dies geschieht durchaus tagtäglich. Beispielsweise bei einem Kind, das von seinen Eltern zurechtgewiesen wird! Dieses Kind verspürt in der Regel – gleichzeitig Furcht und auch Geborgenheit, da es ja schließlich die Liebe seiner Eltern spürt – trotz ihres momentanen Zorns auf ihn.

So wie sich dieses zurechtgewiesene Kind fühlt, so fühlen wir uns in diesen Tagen. Allerdings muss jeder von uns wissen, dass wir in Wahrheit keine Furcht vor Gott haben müssen. So wie ein Kind, das gute Eltern hat! Es erkennt blitzschnell, dass es niemals seine Eltern fürchten muss! Daher verkörpert Rosch Haschana ein wunderbares Geschenk. Gott gab uns diese Tage, da er uns für das kommende Jahr mit den besten Dingen beschenken möchte!

In diesem Sinne wünschen wir – vom Breslev Israel Team – euch im Monat Elul eine gute Vorbereitung auf Rosch Haschana und dann selbstverständlich auch ein gutes und erfolgreiches neues Jahr 5770 – mit Gottes Hilfe!

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