Der Staat Israel (2)

Themen, über die man Bescheid wissen sollte: „Und ich werde dich zu einem großen Volke machen“, Gesellschaft mit hoher Verantwortlichkeit. (Teil 2 der Reihe "Politik und Judentum")

4 lesezeit

Rabbiner Schlomo Aviner

gepostet auf 11.07.2011

Im ersten Teil der Reihe sprachen wir über: 1. Politische Enthaltsamkeit – 2. Politik und Schlechtigkeit – 3. Herrschaft der Geradheit

4. „Und ich werde dich zu einem großen Volke machen“

So lautete das Versprechen an unseren Vorvater Awraham: „Und ich werde dich zu einem großen Volk machen“ (Genesis 12,2) – groß in deiner Eigenschaft als Volk, nicht in deiner Eigenschaft als Individuum. Ebenso heißt es über das Volk Israel: „Denn welches große Volk gibt es, das Götter hätte, ihm so nahe, wie der Ewige, unser Gott…“ und weiter „Und welches große Volk gibt es, das Satzungen und Vorschriften hätte, so gerecht, wie diese ganze Lehre…“ (5. Buch Moses, 4,7-8).

Das Volk muss sich im Lichte der göttlichen Idee auch als Volk verwirklichen, nicht als Summe seiner Bestandteile. „Da der Höchste den Völkern Besitz gab“, und „stellt er fest Grenzen der Völker“ (5. Buch Moses, 32,8); bis zum Zeitalter unseres Vorvaters Awraham lebten nur Einzelne im Lichte der göttlichen Idee. Mit ihm kam die Wende – in Gestalt des jüdischen Volkes.
Das höchste Ideal: Heiligung des göttlichen Namens auf Ebene des Volkes, des Staates, der Politik und in allen anderen Aspekten seines öffentlichen Lebens(Orot, Mahalach Ha'ideot, §2).

Dieser unser Staat ist ein besonderer Staat, nicht wie die Staaten aller Völker dieser Erde, sondern der von Gottes Wort erleuchtete Staat. Er verkörpert das Ideal der Heiligung des göttlichen Namens durch den Staat, welche um ein Vielfaches größer ist als die Heiligung des göttlichen Namens durch den Einzelnen in seinen vier Wänden, im Kreise seiner Familie und sogar in einer kleinen Gemeinde. Wenn Gottes Wort die Leitlinien der ganzen Nation bestimmt, gelangt jeder Einzelne zu spirituellem Glück und Erhebung, noch weit über sein individuelles Glück hinaus. Die private Spiritualität geht in der erhabenen Spiritualität der Gesamtheit der Nation auf, wie eine kleine Kerze, die wohl eine finstere Kammer erleuchten kann, im Freien aber im Verhältnis zur Sonne nicht zur Wirkung kommt(Orot, Mahalach Ha'ideot, §5, S.110-111).

Das ideale Staatswesen ist das höchste Glück des Menschen, im Gegensatz zum heute üblichen Staat, über den Rabbiner Kuk schreibt: „Dass der Staat nicht das höchste Glück des Menschen darstellt – lässt sich wohl vom regulären Staat behaupten…“ (Orot, Orot Israel, §6,7).

5. Gesellschaft mit hoher Verantwortlichkeit

Der normale Staat „stellt keinen höheren Wert dar als eine Gesellschaft hoher Verantwortlichkeit“ (Orot, Orot Israel, §6,7). Es gibt kein halachisches Verbot bezüglich einer Verantwortung tragenden Gesellschaft, so wie die heutzutage übliche Versicherungsgesellschaft. So heißt es im Talmud: „Die Vereinigung der Schiffseigner kann vereinbaren, dass jedem, dem ein Schiff verloren geht, ein anderes zur Verfügung gestellt wird“ (Baba Kama 116b).

Bekanntlich hat es seine Vorteile, sich und sein Vermögen durch Zahlung einer Prämie zu versichern. Die regelmäßige Zahlung einer festen Summe über einen bestimmten Zeitraum belastet das Budget nicht übermäßig, und in der Stunde der Not oder eines großen Schadenfalles erweist sich die Sache als äußerst nützlich. Man darf Geschäfte betreiben, und gegen ein ehrliches und ehrbares Geschäft ist nichts einzuwenden – stellt aber kein erhabenes Ideal dar. Der heute übliche Staat ähnelt einer Versicherungsgesellschaft. Der Bürger zahlt regelmäßig seine bestimmten Steuern, und erhält dafür unterschiedliche Dienstleistungen, z.B. Verteidigung, Erziehung, Gesundheitsfürsorge usw. Dieses Übereinkommen dient sowohl den Bedürfnissen des Einzelnen als auch dem Establishment, doch verkörpert es kein besonderes Ideal. In dieser Situation „bleiben die vielen Ideen, die Krönung des Lebens der Menschlichkeit, in der Schwebe, ohne Berührungspunkte mit ihr“ (Orot, Orot Israel, §6,7).

Zwar hat jedes Land seine Intellektuellen, Idealisten, Philosophen und Theologen, die erhabene Gedanken verfolgen und großartige Ideologien schaffen, welche sie sogar zu Papier bringen, doch unterscheidet sich die Realität auf krasseste Weise von den Idealen, die jene so trefflich in ihren jeweiligen Lehren auszudrücken wissen.

Der von Grund auf ideelle Staat, der nicht nur als große Versicherungsgesellschaft daherkommt, verkörpert die höchste Stufe des Glücks – und dies ist unser Staat, der Staat Israel. In den Worten Rabbiner Kuks: „Der von Grund auf ideelle Staat, dessen Wesen höchsten ideellen Werten untrennbar verbunden ist, stellt das höchste, wahre Glück auch des Einzelnen dar. So ein Staat steht in Wirklichkeit auf der höchsten Stufe des Glücks, und dieser Staat ist unser Staat, der Staat Israel“ (Orot, Orot Israel, §6,7).
 
6. Der Staat Israel

Der Staat Israel gehört der Allgemeinheit Israels, wie der Begriff „Staat Israel“ schon ausdrückt. Nebenbei bemerkt, Rabbiner Kuk war einer der ersten, die diesen Begriff benutzten. „Er ist das Fundament des Sitzes Gottes in der Welt, dessen ganzes Streben der Einheit Gottes und seines Namens gilt, denn dies ist in Wahrheit das höchste Glück“ (Orot, Orot Israel, §6,7), nicht nur im Leben des Einzelnen oder einer begrenzten  Öffentlichkeit, sondern im Leben des ganzen Volkes Israel.

Wer den Staat Israel in seinem heutigen Zustand betrachtet, kann sich wohl einer gewissen Skepsis nicht erwehren, wo doch die „Einheit Gottes und seines Namens“ (Secharja 14,9) so gar nicht zum Ausdruck kommt. Wir haben den Staat aber nicht nach dem äußeren Schein zu beurteilen, denn „der Mensch sieht nach den Augen, der Ewige aber sieht nach dem Herzen“ (Schemu'el I 16,7); nicht wie der Staat sich heute präsentiert, sondern wie er in Einklang mit seinem Potential zukünftig sein wird. Die Keime für „das Fundament des Sitzes Gottes“ sind bereits gepflanzt, wir müssen jetzt abwarten, bis sie sprossen. „Wahrhaftig, dieses erhabene Glück benötigt langwieriger Erläuterung, um sein Licht in den Tagen der Finsternis zur Geltung zu bringen, doch mindert dies nicht die Tatsache, dass größtmögliche Glück zu sein“ (Orot, Orot Israel, §6,7). Wir befinden uns wie im Zustand der Dämmerung, in der man vieles nicht sieht, was aber nicht heißt, dass es nicht existiert.

Unser Staat verkörpert heute noch nicht dem himmlischen Thronsaal, eher den Korridor, der zu ihm hinführt. Wer jedoch zum König will, muss vorher durch diesen Korridor gehen. Man sollte seine Bedeutung nicht unterschätzen, stellt er doch den einzigen Weg zur Residenz des Königs dar. Wird denn nicht jemand, der es bereits bis zum königlichen Korridor gebracht hat, schon dort von Ehrfurcht erfüllt sein, noch bevor er den Thronsaal betritt?

Doch streben wir nicht nach diesem „Korridor“. Obschon eine gewaltige Errungenschaft, bleibt der Staat noch weit vom Ideal entfernt. Noch immer steht er nicht vollständig auf den Fundamenten von Geradheit, Wahrheit und Gerechtigkeit, Liebe, Brüderlichkeit, Frieden und Freundschaft.
 
Dieser Artikel ist in der Monatsschrift „Iture Kohanim“ der Jeschiwa Ateret Kohanim, Jerusalem – Ausgabe-Nr. 70 Tevet 5751 erschienen. 

Der Autor ist der Leiter der Jeschiwa und Oberrabbiner von Bet El. Übersetzung: Rafael Plaut, Chefredakteur der Webseite: KIMIZION

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