Bernhard

Diese Geschichte ereignete sich gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, in einem ungarischen Arbeitslager an der Grenze Rumäniens. Die deutsche Armee war in der Niederlage ...

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Rabbiner Benjamin Sufiev

gepostet auf 15.01.2015

Diese Geschichte ereignete sich gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, in einem ungarischen Arbeitslager an der Grenze Rumäniens. Die deutsche Armee war in der Niederlage und zog sich vor der russischen Armee zurück.

 

Die Gerüchte über die Annäherung der Russen nahmen ständig zu; umso mehr waren einige von uns noch williger zu flüchten: ich, mein Freund und ein weiterer Jude, welcher so sehr assimiliert war, bis er nicht einmal beschnitten war. Er hieß Bernhard.

 

So lautete unser Fluchtplan: Wir würden uns zur Dämmerungszeit in den Pferdestall der Deutschen schleichen, welcher Fenster in den Wald hatte. Sobald die Dunkelheit einbricht, beginnt unsere Flucht in den Wald. Das Risiko war sehr groß; das wussten wir. Wer bei einem Fluchtversuch ertappt wird, hängt am Galgen. Wir waren aber sehr optimistisch. In wenigen Tagen sollte es losgehen.

 

Vorgetäuschte Bürsten

 

Eines Tages fassten wir schließlich unsere Gelegenheit. Die Soldaten plauderten untereinander und waren nicht wachsam. Da nutzen wir den Moment und schlichen uns einer nach dem anderen in den Pferdestall. In unseren Händen hielten wir Pferdebürsten. Sollte man uns erwischen, gingen wir nur in den Stall, um die Pferde zu pflegen.

 

Wir warteten im Stall, bis die Finsternis einbrach. Da sprangen wir durch das Fenster und rannten in den Wald. Zu unserem Glück hatte niemand unsere Flucht wahrgenommen, aber wir wussten, dass unsere Abwesenheit sehr bald bemerkt werden würde, und dann begänne die Todesjagd nach uns. Daher rannten wir auch im Wald pausenlos weiter, um den Deutschen einen guten Sprung voraus zu sein.

 

So waren wir in die Tiefe des Waldes einige Stunden gelaufen. Auf einmal hörten wir ein leises, hallendes Bellen hinter uns. Es kam von Weitem. Wir kletterten auf die Bäume, so hoch wie möglich, und warteten in Angst ab. Die Geräusche wurden immer lauter. Nach weniger Zeit sahen wir deutsche Soldaten, doch sie hatten uns nicht bemerkt und fuhren mit ihrer Suche im Wald fort. 

 

Das verlassene Haus

 

Wir zitterten wie im Wind verwehte Blätter, obwohl wir uns sicher waren, dass die Deutschen sich nicht lange mit der Suche nach uns aufhalten würden; aufgrund der geringen Chancen uns in der Dunkelheit ausfindig zu machen und der Furcht der russischen Armee zu begegnen.

 

Nach ein oder zwei Stunden gaben sie die Suche auf und kehrten in ihr Lager zurück.

 

Erst nach langer Zeit, als wir davon überzeugt waren, dass niemand von unseren Verfolgern in der Umgebung zurückblieb, kletterten wir von den Bäumen herunter und gingen im Wald weiter. So wanderten wir bis zum Morgengrauen.

 

Als die Sonne aufging, suchten wir nach einem Versteck. Wir fanden eine verborgene Höhle zwischen den Bäumen, und dort legten wir uns schlafen.

 

Gegen Abend kamen wir aus unserem Versteck hervor und setzten unsere Wanderung fort. Drei Tage hindurch wanderten wir in den Nächten und ruhten am Tag an versteckten Plätzen. Wir ernährten uns ausschließlich von Waldfrüchten.

 

Am vierten Tag sahen wir von der Ferne eine Waldlichtung, aus welcher ein Häuschen hervorschaute. Vorsichtig näherten wir uns dem Haus und kontrollierten es von allen Seiten. Es schien unbewohnt zu sein, und wir entschlossen hineinzugehen.

 

Wir durchsuchten jedes Zimmer des Hauses und überzeugten uns davon, dass es tatsächlich leer stand. Wir stiegen auf zum Dachboden, und dort schliefen wir auf einem Strohbett ein. Nach drei mühsamen Tagen im Wald konnten wir uns endlich normal ausruhen.

 

„Schma Israel“

 

Aufgrund der Müdigkeit und Körperschwäche sanken wir sofort in einen Tiefschlaf. Ich erinnere mich nicht wie lange wir geschlafen haben, aber großer Schrecken riss uns aus dem Schlaf: Die Tür wurde heftig aufgebrochen, und im selben Augenblick hörte ich jemanden ein herzzerreißendes „Schma Israel“ rufen, und danach einen befehlenden Ton in russischer Sprache.

 

Da standen drei russische Soldaten und ihr Offizier vor uns, mit Gewehren auf unsere Köpfe gerichtet, welche sie allerdings von uns abwandten.

 

Es vergingen einige Momente, bis ich begriff, dass Bernhard, der assimilierte Jude, das „Schma Israel“ rief. Der Befehl auf Russisch kam vom Offizier.

 

Die Soldaten suchten nach Deutschen, welche entkommen waren und sich in der Gegend versteckten. Der Offizier war ein jüdischer Arzt. Als er den „Schma Israel“-Ruf hörte, befahl er unverzüglich die Gewehre von unseren Köpfen abzuwenden.

 

Bis heute beschäftigen mich zwei große Fragen bei diesem Ereignis: Die Russen, wie wohl bekannt, schießen immer zuerst, und erst dann prüfen sich nach. Weshalb töteten sie uns nicht in dem Augenblick, als sie uns am Dachboden entdeckten?

 

Zweitens war es gerade Bernhard, welcher seinem Judentum den Rücken kehrte, der das „Schma Israel“ geschrien hat, und zwar auf so natürliche Weise.

 

Ich habe daraus eine Sache gelernt:

 

Ausnahmslos jeder Jude hat eine jüdische Seele in sich, welche irgendwann einmal zum Vorschein kommt, und ganz sicher in der Stunde der Wahrheit.

 

Bernhards „Schma Israel“ rettete ihm sogar das Leben, und selbst unseres.

 

 

 

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