Abgerechnet wird immer!

Sie waren zwei enge Freunde, deren Familien einander sehr nahe standen. Bereits ihre Großväter waren gute Freunde...

3 lesezeit

Rabbiner Benjamin Sufiev

gepostet auf 15.01.2015

Sie waren zwei enge Freunde, deren Familien einander sehr nahe standen. Bereits ihre Großväter waren gute Freunde. Ascher lebte in einer Kleinstadt, nahe Berditschow. Er war ein großer Geschäftsmann. Sein Freund Schimon verdiente seinen Lebensunterhalt an seinem Wohnort Berditschow.

 

Eines Tages ergab sich für Ascher ein gutes Geschäft. Er kaufte dreihundert Honigweinfässer für einen vergünstigten Preis und beabsichtigte sie um das Doppelte am bevorstehenden Markttag in der Stadt zu verkaufen.

 

An jenem Tag mietete er Kutschen, belud sie mit den Honigweinfässern und machte sich auf den Weg nach Berditschow.

 

Als Ascher ankam, stellte sich heraus, dass inzwischen der Preis des Honigweins tief gesunken war, und er keine Chance hätte von diesem Handel zu profitieren. Was sollte er nun tun? Wieder Kutschen mieten, um seine Ware nach Hause zu bringen? Plötzlich kam ihm eine Idee. „Mein Freund Schimon wird mir helfen“, dachte er und begab sich sofort zum Haus seines alten Freundes.

 

Schimon freute sich, seinen Freund zu treffen und erfüllte seine Bitte, nämlich die Honigweinfässer in seinem Keller aufzubewahren, bis der Preis wieder steige.

 

Die Zeit verging, und Ascher und Schimon vergaßen völlig die Honigweinfässer.

 

Eines Tages erreichte Ascher eine bittere Nachricht: Sein Freund Schimon erkrankte plötzlich und starb. Er bedauerte zutiefst den Verlust seines Freundes, und während er über die Tragödie nachdachte, erinnerte er sich auf einmal an die Honigweinfässer. Ascher entschloss mit den Weinfässern ein wenig zu warten.

 

Ein Monat verging. Inzwischen stiegen die Honigweinpreise bedeutend.

 

„Das ist meine Gelegenheit in die Stadt zu fahren und die Fässer von Schimons Kindern zu bekommen“, dachte sich Ascher.

 

Doch bei Schimons Familie angekommen, erwartete ihn eine unerfreuliche Überraschung. Schimons Kinder wussten von Aschers Anspruch auf die Honigweinfässer nichts. Zwar wussten sie von ihrem Bestehen, aber erfuhren niemals von ihrem Vater, dass sie jemand anderem gehören.

 

Es wurde beschlossen die Angelegenheit vor den neuen Stadtrabbiner, Rabbi Levi Itzchak von Berditschow, zu bringen.

 

Ascher schilderte den Vorfall. Er erzählte über seine enge Freundschaft mit Schimon und jenen Markttag, an welchem er seinen Freund bat, die Honigweinfässer in seinem Keller für ihn aufzubewahren.

 

Die Söhne hingegen behaupteten, dass sie nicht wissen können, ob Ascher die Wahrheit bezüglich der Fässer gesprochen hatte. Zwar zweifelten sie an Aschers Aufrichtigkeit als ehrlichen Händler nicht, aber wo- möglich hatte er seine Ware bereits längst zurückerhalten und vergaß darauf.

 

Nachdem Rabbi Levi Itzchak beide Seiten vernommen hatte, fragte er Ascher: „Habt ihr keinen Vertrag geschrieben?“ Ascher seufzte und antwortete, dass sie Freunde waren und ein schriftliches Übereinkommen nicht für notwendig hielten.

 

Der Rabbi vertiefte sich in Gedanken.

 

Alle warteten gespannt auf das Urteil des Rabbis. Die Kinder Schimons verstanden nicht, weshalb der Rabbi in Stille verweilte, wo doch das jüdische Gesetz klar festlegt: Ohne Beweise kann man das Gut im Besitz des Nächsten nicht beanspruchen.

 

Plötzlich erhob sich der Rabbi von seinem Stuhl, nahm ein Psalmenbuch in die Hand, drehte sich zur Wand und begann aus dem Buch zu lesen. Die Anwesenden waren von dem Anblick sehr überrascht. Stille herrschte im Raum. Nur die herzzerreißenden Psalmenverse des Rabbis erklangen.

 

Auch Ascher war in Gedanken vertieft. Erinnerungen aus der Vergangenheit kamen hoch. Auf einmal rief er auf: „Rabbi, ich muss Ihnen unbedingt über einen Vorfall berichten, an den ich mich eben jetzt erinnert habe.“

 

Da wandte sich Rabbi Levi Itzchak zu Ascher; dieser erzählte: „Der Vorfall ereignete sich vor dreiundvierzig Jahren. Unser Vater, starb und wir blieben als Waisen zurück. Ich war damals vierzehn Jahre alt. Eines Tages erschien ein enger Familienfreund in unserem Haus, und zwar der Großvater dieser Enkelkinder, welche hier vor uns stehen. Er behauptete, dass die Wein- und Ölfässer, die sich in unserem Keller befanden, ihm gehörten. Seiner Geschichte zufolge hätte unser Vater zugestimmt, seine Ware im Keller aufzubewahren, damit er sie zum passenden Zeitpunkt in der Stadt verkaufen könne.

 

Wir, die Kinder, wussten davon nichts. Unser Vater ließ kein bezeugendes Dokument zurück. Darauf wandten wir uns an den Stadtrabbiner. Ich erinnere mich noch genau an das Urteil des Rabbiners. Er legte fest, dass niemand die Erlaubnis hat, Waisen jeglichen Besitz ohne Beweise zu entnehmen.

 

Schließlich verkauften wir die Fässer zu einem guten Preis.“

 

Da fragte ihn der Rabbi: „Erinnern Sie sich an den Wert der Wein- und Ölfässer?“

 

Ascher rechnete im Kopf. Auf einmal rief er auf: „Nicht zu fassen! Das Geld, welches wir damals für die Wein- und Ölfässer erhalten haben, entspricht ungefähr dem Preis der Honigweinfässer, die ich im Keller von Schimon deponiert habe . . .“

 

Rabbi Levi Itzchak gab einen Seufzer der Erleichterung von sich, und sagte: „Sicherlich habt ihr euch gewundert, weshalb ich inmitten des Gerichts zu beten begann. Aber genau dafür habe ich gebetet; nämlich dass G´tt mir beistehe ein Urteil zu fällen, dass sowohl gerecht als auch barmherzig ist.

 

Soeben hat uns G´tt Seine Gesetze und g´ttliche Aufsicht zu sehen gegeben . . .“

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