Stärkung der Seele am Schabbat

Was hat es mit der Neschama jetera auf sich?

2 Min.

Prof. Dr. Yizhak Ahren

gepostet auf 29.04.18

Der galiläische Amoräer Resch Lakisch (ca. 200-275) lehrte: „Am Vorabend des Schabbats gibt der Heilige, gepriesen sei er, dem Menschen eine zusätzliche Seele (hebr.: Neschama jetera), die er ihm beim Ausgang des Schabbats abnimmt. Denn es heisst: Er ruhte und atmete auf (2.Buch Mose 31,17) – nachdem er geruht: wehe, fort ist die Seele“ (Bejtza 16a und ebenfalls Tannit 27b).

 

Den angeführten Tora-Vers deutete Resch Lakisch nicht nach dem einfachen Wortsinn; vielmehr hat er das hebräische Wort „vajinafasch“ homiletisch zerlegt: „ vaj avda nefesch“ = „wehe, die Seele ist weg.“ Seine Lehre von der Neschama jetera hat Resch Lakisch an die Schrift nur angelehnt (siehe Rabbiner Baruch HaLevi Epstein, „Tora Temima“ zur angegebenen Stelle).

 

Was hat es mit der Neschama jetera auf sich? Dass diese Frage nicht einfach zu beantworten ist, zeigt sich daran, dass verschiedene Erklärungen vorgelegt worden sind. Raschi bemerkte, dass die erweiterte Seele am Schabbat eine solche Verfassung schafft, die Ruhe und Freude aufkommen lässt; Essen und Trinken erweisen sich als bekömmlich.

 

In eine andere Richtung geht die Interpretation von Rabbiner Jesaja HaLevi Horowitz in seinem berühmten Werk „Schnej Luchot HaBrit“: Die Neschama jetera soll nicht nur leibliche Genüsse fördern; in erster Linie soll das geistige Leben eine Stärkung erfahren, und zwar durch ein emsiges Tora-Lernen. Nach Ansicht von Rabbiner Horowitz kann ein jüdischer Mensch am Schabbat beim Studium der Tora viel mehr erreichen als an Wochentagen. Wer diese Gelegenheit nicht ausnutzt, der vertreibe die Neschama jetera schon vor Schabbat-Ausgang.

 

Angeführt sei auch Rabbiner Samson Raphael Hirschs Explikation des Begriffs Neschama jetera. Er beschreibt die Werklosigkeit am Schabbat u.a. als „Beracha“, Segen: „Wenn du also mit jedem Schabbat deinen Vertrag mit Gott erneuerst und dich zu Gottes Diener weihst, so spendet dir Gott mit jedem Schabbat erneutes Licht des Geistes, Wärme des Gemütes, Weihe der Kraft zu solch hohen Berufes rüstiger Erfüllung, auf dass du es inne werdest, dass Gott dich wirklich zu solcher Lebenshöhe berufe, und so jeder Schabbat seine eigene Verbürgung mit sich trage (Neschama jetera)“ (Chorew § 143).

 

Die Neschama jetera wird dem Juden beim Ausgang des Schabbats abgenommen. Die wohlriechenden Gewürze in der Hawdala-Zeremonie sollen über den nun eigetretenen Verlust ein wenig hinwegtrösten (siehe Maimonides, Hilchot Schabbat, Kap. 29, 29). Allerdings wird nicht an jedem Schabbat-Ausgang der Segensspruch über wohlriechende Gewürze gesprochen. Beginnt ein Feiertag (z.B. Pessach) direkt nach Schabbat-Ausgang, so verzichtet man beim Unterscheidungssegen auf die Gewürze (Rabbiner Jehoschua J. Neuwirth, Schemirat Schabbat Kehilchata, Kap. 62,13).

 

Warum diese Auslassung bei der Hawdala? Auf diese schlichte Frage gibt es zwei Antworten, die einander in einem wichtigen Punkt widersprechen. Der Kommentar „Mischna Berura“ zum „Schulchan Aruch“ (Orach Chajim Kap. 591,1) stellt fest, dass es am Feiertag zwar keine Neschama jetera gibt, aber die guten Speisen in der gebotenen Festmahlzeit erfüllen dieselbe Funktion wie das Riechen der Gewürze.

 

Eine ganz andere Begründung für das Weglassen des Segensspruches über die Gewürze vertritt Raschbam in seinem Kommentar zu Pessachim 102 b; beim Übergang vom Schabbat zum Feiertag sei kein Verlust zu verschmerzen. Nach Raschbams Ansicht haben wir Juden auch am Feiertag eine Neschama jetera! Diese Auffassung findet man übrigens sowohl im mystischen Werk „Sohar“ als auch im bereits erwähnten Buch „Schnej Luchot HaBrit“.

 

Wir erkennen, dass es eine Meinungsverschiedenheit in der Frage gibt, ob Juden auch an Feiertagen eine Neschama jetera erhalten. Unbestritten ist jedoch die von Rabbiner Jesaja Horowitz herausgearbeitete Tatsache, dass diese besonderen Zeiten jüdischen Menschen günstige Gelegenheiten zu einem geistigen Aufstieg bieten, die sie gut ausnutzen sollten.

 

 

Der Autor ist Psychologe und hat an der Universität Köln gelehrt.

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